Nach dem Artikel vom Muf zum Drei-Schluchten-Staudamm will ich jetzt noch etwas mehr die - ja, man muss fast sagen - Dummheit der chinesischen Politiker herausstellen. Folgender Artikel stand am 26.11.2002 in der Süddeutschen Zeitung:
Mehr als eine Million Menschen verlieren seinetwegen ihre Heimat, für unzählige Ratten kommt es nun noch schlimmer: Sie sollen für den Drei-Schluchten-Damm an Chinas Langem Fluss mit ihrem Leben bezahlen. Arbeiter begannen damit, insgesamt 200 Tonnen vergifteten Reis in der Gegend des künftigen Stausees auszulegen. Viele Dörfer und Städte sind dort schon verlassen, Fabriken in Schutt und Asche gelegt, Hunderttausende Bewohner wurden mittlerweile umgesiedelt an höhere Flecken im Jangtsetal oder Tausende Kilometer weit weg in übers ganze Land verstreute neue Dörfer.
Nun haben die Behörden Angst, Heerscharen von Ratten könnten ihr eigenes Umsiedlungsprogramm starten, wenn der Damm geflutet wird - und auf der Flucht vor dem Wasser höher gelegene Siedlungen überrennen. (…)
Der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua zufolge wurden für das große Morden - ausgerechnet im chinesischen Jahr der Ratte - eigens 800 Kammerjäger und 5000 Hilfskräfte ausgebildet. Xinhua zitierte den “Maus-Experten” Feng Shaoquan, der erklärte, die vergifteten Ratten würden allesamt eingesammelt, eingeäschert und weit weg vom Damm begraben.
(…) Ratten sind jedoch nicht das drängendste Problem für Chinas Dammbauer, wenn schon im Juni nächsten Jahres Täler, Städte und Drei Schluchten bis zu einer Höhe von 135 Meter im Wasser versinken. Der Damm, der bei seiner Fertigstellung im Jahr 2009 das größte Wasserkraftwerk der Welt beheimaten wird, war auch in China selbst Gegenstand heftiger Kontroversen. Neben den Zwangsumsiedlungen, neben drohender Verschlammung, Erdbebengefahr, Korruption und Pfusch am Bau ist ein Streitpunkt die Angst vor massiver Wasserverschmutzung, wenn die Heimat von so vielen Menschen in einem mehr als 600 Kilometer langen und gegen Ende 200 Meter tiefen Stausee verschwindet. Der See könne schnell eine Kloake werden, warnten Experten, dank der Hinterlassenschaften der Umsiedler und der Abwässer stromaufwärts liegender Städte.
Als Antwort auf diese Befürchtungen hat Chinas Regierung (…) ein fünf Milliarden Euro schweres Programm bekannt gegeben, das einen sauberen Fluss garantieren soll. Wie die “Volkszeitung” auf ihrer Webseite penibel aufzählt, wird der Stausee einmal “300000 Quadratmeter öffentliche Toiletten, mehr als 40000 Gräber und mehr als 4000 Krankenhäuser, Schlachthöfe und andere Orte voller giftiger Stoffe unter sich begraben.
Das ist deshalb besonders gefährlich, weil der Damm den Fluss stark bremsen und so seiner Selbstreinigungskräfte berauben wird. Nun sollen manche Fabriken verlegt, andere gesäubert und auf dem Fluss verkehrende Schiffe stärker kontrolliert werden. Vor allem aber sollen die in der Nähe liegenden Städte Kläranlagen erhalten - ein Novum vielerorts im Land. Nach Schätzung der Vereinten Nationen werden im Moment nur ein Zehntel aller städtischen Abwässer in China geklärt.
Das galt bis vor kurzem auch für die Metropole Chongqing, die sich selbst gerne Chinas größte Stadt nennt - und die ihr Abwasser unweit des Stausees in den Langen Fluss entsorgt. 19 Kläranlagen sind dort mittlerweile entstanden - wenn man der Volkszeitung glauben will, sollen Chongqing und andere Gemeinden am Oberlauf bis zum Jahr 2009 auch das letzte Kilo ihres Mülls und den letzten Liter Abwasser zentral und kontrolliert entsorgen.
Und die 200 Tonnen Rattengift, die nun ausgelegt werden? Keine Angst, versicherten die Behörden eilfertig, das Gift sei “umweltfreundlich”, sie priesen es als ein Wundermittel, das zwar die Nager umbringe, gleichzeitig aber Bestandteile enthalte, die beim menschlichen Herzen sogar “heilende Wirkung” bewiesen hätten.
Und dieser Bestandteil war wahrscheinlich der Reis selber, oder???
Quelle: Strittmatter, Kai (2002): Mord im Jahr der Ratte. In: Süddeutsche Zeitung (26.11.2002).
Veröffentlicht von Markus