Kindheit in China - Fron der frühen Jahre

Bildquelle: © Fritz Hoffmann/document China/Agentur focus
Zweijährige lernen rechnen, Dreijährige schreiben. Chinesische Eltern trimmen ihre Kleinkinder auf Hochleistung
Von Donata Elschenbroich
»Sitzt gut und gerade!«, ruft die junge Frau in rosa Uniform einer Gruppe von fünf Zweijährigen und ihren Müttern zu. »Wu Yu Ying möchte ich bitten: Wenn wir die Zahl Zwanzig und die Zahl Drei aus unseren Kärtchen aufnehmen, an welcher Stelle werden wir sie bei den Perlenschnüren ablegen?« Wu Yu tut, was sie tun soll, und zählt die Perlen ab. »Bravo, spendet Beifall für Wu Yu Ying!«, ruft die Erzieherin. Vier Zweijährige und fünf Mütter klatschen, und gleich werden alle Wu Yu Yings Namen an der Ehrentafel lesen.
In dem Privatkurs für Kleinkinder und ihre Mütter in Peking lösen Zweijährige anspruchsvolle mathematische Zuordnungsprobleme im Minutentakt. Dreijährige rechnen bis in die Zehner- und Hunderterreihen, sie widmen sich diffizilen feinmotorischen Aufgaben mit Essstäbchen und an Knopflöchern, sie lesen erste Schriftzeichen, rufen im Chor englische Slogans. Sie üben unbedingte Konzentration auf gestellte Aufgaben und zügiges Arbeiten. […]
Hundertdreißig Millionen Vorschulkinder leben heute in China, kostbare Einzelkinder, auf die sich die gespannte Aufmerksamkeit ihrer Familie richtet. Kostspielige Kinder, in deren Bildung investiert wird, was immer die Erwachsenen sich leisten können: Geld für Kindergärten und für Förderkurse in frühem Alter, Mutterzeit, Großelternzeit. Wie können wir unser Kind optimieren, das kleine Kraftzentrum ganz nach vorn bringen? […]
Kindheiten in den neuen chinesischen Mittelschichten sind bis in den letzten Winkel ausgestaltet, optimiert mit immer neuen Bildungsprogrammen. Chinesische Pädagogen sehen sich in aller Welt um. Ob Hochbegabungstraining oder Montessori-Pädagogik, Ideen aus Singapur oder aus den USA, alles wird eingespeist. Das Ergebnis: Leistungskurse schon für Ein- und Zweijährige, mit rigorosem kognitivem Funktionstraining. - Privatkurse wie jener in Peking verbreiten sich in ganz China, auch in kleineren Städten. Nur wenige Eltern können es sich leisten, mehrere solcher Kurse in der Woche zu belegen. Aber die sollen ja auch Anleitung für zu Hause sein. […]
Auch die chinesischen Kindergärten expandieren. Noch besucht in China erst jedes dritte Vorschulkind einen Kindergarten, aber in den Großstädten schon jedes zweite. […] So lernt ein Kind früh, disponibel zu werden, einsatzbereit, nicht an persönliche Orte gebunden. Und nach wie vor wird in den Wochenkindergärten viel geschlafen, zwölf Stunden nachts, zwei am Tag. Diese erzwungene Ruhigstellung – so müde ist kein Kind – gehört heute zu den unangenehmen Erinnerungen vieler Erwachsener an ihre Kindergartenzeit. In den meisten Kindergärten der Qualitätsstufe eins sitzen die Kinder tagsüber viel an Tischen vor didaktischem Material aus Plastik. Auf die Frage nach seinem Kindergartenbesuch entfährt dem Dolmetscher, auch er habe drei Jahre im Kindergarten »gesessen«. Eine Mutter bekennt fast trotzig, ihren Sohn sonntags im Park nur laufen und klettern zu lassen, denn das wie viele andere schon deutlich übergewichtige Kind habe »während der Woche so wenig Bewegung«. […]
Das Vokabular der chinesischen Pädagogik ist heute modern und universell, doch im Widerspruch zur vorgeblichen Individualisierung steht ein geradezu totalitärer Fröhlichkeitszwang. Kinder erscheinen in allen Broschüren oder Veröffentlichungen nie nachdenklich oder ernst, man blickt ausnahmslos in lachende Kindergesichter, als sei ein glückliches Kind grundsätzlich ein lachendes Kind. Neuerdings soll, im Gegensatz zur traditionell strengen chinesischen Pädagogik, viel gelobt werden. Die Kinder umarmen morgens beim Appell der Reihe nach die Erzieherin. […]
Kann man von China lernen? Man hat sich in Deutschland damit eingerichtet, sich pädagogisch ausschließlich für die Länder zu interessieren, die uns etwas voraushaben, seien es die skandinavischen Staaten oder die Early Excellence Centers in England. In der chinesischen Frühpädagogik wird für unseren Geschmack zu wenig Raum gelassen für eigene Gedanken, Umwege, Humor. Aber sollte man in Deutschland nicht zur Kenntnis nehmen, welche kognitiven Leistungen Kinder schon in frühen Jahren erbringen können? Haben wir nicht in den vergangenen Jahren gemerkt, dass wir den Kindern zu wenig zugetraut haben? […]
Quelle: Die ZEIT (Verwendet wird hier hauptsächlich die von MatthiasHeil.de gekürzte Fassung!)

12. Juni 2008 um 18:15
ich find das mit der Pädagogik interesant und das 2jährige rechnen können ist erstaunlich ich finde das sollte bei uns eingeführt werden
zum beispiel hat heut einer in mathe nicht gewusst was 4 mal 4 ist und des is ne 7te klasse
da sicht mans mal wieder